Chancen und Risiken einer digitalen Unterrichtseinheit

Beginnen wir mit den Fakten: Nach der Schulzeit gibt es kaum noch Situationen und Settings, in denen eine (scheinbar und zumindest in einem Bereich) allwissende Person vor einem steht und sagt, was es zu tun gibt. Somit ist es nichts als logisch, dass die Schülerinnen und Schüler bereits in der Volksschule auf diese Realität vorbereitet werden.

Trotzdem gilt es die Schülerinnen und Schüler sorgfältig an die Aufgabe heranzuführen. In einigen Bereichen mag es sinnvoll sein, die Wahrnehmung der Kinder mehr zu gewichten als die objektive Beurteilung von richtig und falsch. Wird der Ansatz des Konstruktivismus aber zu radikal ausgelegt, birgt dies die Gefahr, dass die Schülerinnen und Schüler nicht lernen, dass es in gewissen Bereichen ein «Richtig» und ein «Falsch» gibt. Denken wir an die aktuell herrschende Corona-Pandemie: Sehr viel darüber ist im Internet zu lesen. Das Corona-Virus zu leugnen ist nicht eine Frage der Wahrnehmung, sondern hat etwas mit richtig und falsch zu tun.

Eine komplett digitale Unterrichtseinheit streng nach konstruktivistischem Ansatz kann nur gelingen, wenn die Kinder bereits früh in ihrer Schulzeit mit dieser Form der Arbeit vertraut gemacht werden. Verschiedene Methoden und Organisationsformen müssen den Schülerinnen und Schülern bereits früh mit auf den Weg gegeben werden, damit je länger je mehr in einem solchen Setting individuell gearbeitet werden kann. In diesem Bereich stecken wir sicher in einer Übergangsphase. Ich bin überzeugt, dass solche Settings auf dem Zyklus 3 in einigen Jahren viel gewinnbringender eingesetzt werden können als heute, weil die Schülerinnen und Schüler mehr «Rüstzeug» mitbringen werden.

Ich versuche nachfolgend, anhand der 10 Merkmale guten Unterrichts nach Hilbert Meyer aufzuzeigen, welche Chancen und Risiken sich ergeben.

Chancen

  • Methodenvielfalt: Die Schülerinnen und Schüler können mit den Methoden ihrer Wahl lernen. Eine grosse Chance besteht darin, dass sie neue Methoden selbstständig erkunden können. Andererseits kann es auch dazu verleiten, dass die Schülerinnen und Schüler immer mit den ihnen bereits bekannten und geläufigen Methoden arbeiten, obwohl andere geeigneter wären.
  • Echte Lernzeit: Wenn der Unterricht gut läuft, gibt es für die Schülerinnen und Schüler keine oder kaum Wartezeiten. Sie können also sofort und selbstständig mit ihrer Arbeit beginnen. Die Lehrperson unterstützt bei Problemen individuell, während die anderen Schülerinnen und Schüler weiterarbeiten können.
  • Individualisierung: Nicht alle Schülerinnen und Schüler arbeiten an der gleichen Problemstellung. Der Unterricht kann so sowohl den Interessen wie auch dem Niveau der Schülerinnen und Schüler angepasst werden.
  • Intelligentes Üben: Mit einer einheitlichen Organisationsform für die ganze Schule wird das intelligente Üben institutionalisiert. Die Regeln sind klar, dabei wird auch geregelt, wann die Schülerinnen und Schüler Kontakt mit der Lehrperson aufnehmen und wie sie ihre Ergebnisse sichern und überprüfen können.
  • Sinnstiftende Kommunikation: Die Schülerinnen und Schüler haben die Möglichkeit, ihr Projekt selbst zu gestalten. Sie können untereinander kommunizieren und entscheiden, welche Form der Kommunikation für sie gewinnbringend ist.

Risiken

  • Klare Strukturen: Sind die Schülerinnen und Schüler gut auf das Projekt vorbereitet, besteht bei den Strukturen kaum ein Risiko. Bei den ersten Versuchen ist die Lehrperson hier gefordert, die Strukturen laufend zu überprüfen und allenfalls Einfluss zu nehmen. Je jünger die Schülerinnen und Schüler, desto wichtiger ist eine Rhythmisierung des Unterrichts durch kleinere Etappen und gemeinsame Zwischenziele.
  • Vorbereitete Umgebung: Die Anforderungen an einen Arbeitsplatz wandeln sich. Zugang zu Strom und funktionierendes WLAN sind nun wichtig, ebenso eine ruhige und ordentliche Umgebung. Für diese Infrastruktur ist nicht mehr nur die Lehrperson zuständig, sondern die Schule resp. die Gemeinde, welche das Schulhaus ausstattet. Natürlich kann auch an einem beliebigen Ort ausserhalb der Schule gearbeitet werden. Je älter die Schülerinnen und Schüler werden, desto besser können sie individuell entscheiden, was für sie ein geeigneter Lernort ist.
  • Lernförderliches Klima: Die Wichtigkeit des lernförderlichen Klimas unterscheidet sich in der digitalen Unterrichtseinheit nicht wesentlich von der im «klassischen» Unterricht. Ist das Klima in der Klasse nicht gut, ist auch dies ein Risiko, welches das Gelingen der Einheit gefährdet.
  • Inhaltliche Klarheit: Auch hier gilt: Je jünger die Schülerinnen und Schüler, desto mehr Vorgaben müssen gegeben werden, idealerweise auch in Zwischenschritten. Gerade das Internet bietet die grosse Gefahr, dass Schülerinnen und Schüler sich in den Weiten verlieren und das eigentliche Thema aus den Augen verlieren. Hier sind eine gute Vorbereitung sowie eine enge, wenn auch nur beobachtende, Begleitung seitens der Lehrperson nötig.
  • Klare Leistungserwartung: Die klare Leistungserwartung beisst sich etwas mit einem digitalen Unterrichtssetting nach dem konstruktivistischen Ansatz. Damit der Erkenntnisgewinn der Schülerinnen und Schüler aber im Rahmen des Themas und des Auftrags bleibt, ist es wichtig, dass sich die Lehrperson von Beginn an klare Gedanken zu den inhaltlichen Leitplanken macht und diese den Schülerinnen und Schülern klar kommuniziert.

Fazit

Basis für das Gelingen einer digitalen Unterrichtseinheit auf dem Zyklus 3 bilden die Vorkenntnisse der Schülerinnen und Schüler, welche sie aus den Zyklen 1 und 2 mitbringen, sowie die gute Vorbereitung der Lehrperson. Weiter ist es von entscheidender Bedeutung, wie die Lehrperson die Schülerinnen und Schüler begleitet. Wenn sie zu lange keinen Einfluss nimmt, kann die Einheit schnell aus dem Ruder laufen. Sie wieder in die richtigen Bahnen zu lenken, braucht sehr viel Zeit und generiert einiges an Mehraufwand.

Sind die obengenannten Voraussetzungen gegeben, sehe ich in einer digitalen Unterrichtseinheit sehr viel mehr Chancen und Gewinne als Risiken und Gefahren – sowohl für die Schülerinnen und Schüler wie auch für die Lehrperson.